#1 Manufacturing Glossar - SYMESTIC

Operational Technology (OT) - Definition, IT, Vorteile & Strategien

Geschrieben von Symestic | Apr 3, 2025 11:20:16 AM

In der modernen Fertigungsindustrie wird ein Begriff immer wichtiger: Operational Technology (OT). Doch was genau verbirgt sich dahinter, und warum ist die Konvergenz von OT mit der klassischen Informationstechnologie (IT) so entscheidend für den Erfolg von Produktionsunternehmen? Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen von OT, die OT/IT-Konvergenz und zeigt auf, wie Fertigungsunternehmen von dieser Entwicklung profitieren können.

Was ist Operational Technology (OT)?

Operational Technology (OT) – auf Deutsch "operative Technologie" – bezeichnet Hardware- und Softwaresysteme, die zur direkten Überwachung, Steuerung und Kontrolle physischer Geräte, Prozesse und Ereignisse in industriellen Umgebungen eingesetzt werden. Im Gegensatz zur klassischen IT, die sich primär mit Datenverarbeitung, -speicherung und -übertragung befasst, steht bei OT die Interaktion mit der physischen Welt im Vordergrund.

OT-Systeme umfassen unter anderem:

  • Steuerungssysteme (SCADA) für die Überwachung industrieller Prozesse
  • Speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) für die Automatisierung von Maschinenabläufen
  • Industrielle Kontrollsysteme (ICS) für die Steuerung komplexer Produktionsanlagen
  • Mensch-Maschine-Schnittstellen (HMI) für die Bedienung von Anlagen
  • Edge-Computing-Geräte für die dezentrale Datenverarbeitung
  • IIoT-Sensoren und -Aktoren zur Erfassung und Steuerung von Prozessen


Historisch gesehen waren OT-Systeme in der Fertigungsindustrie meist eigenständige, isolierte Lösungen mit proprietären Protokollen, die in abgeschotteten Netzwerken betrieben wurden. Die Priorität lag dabei auf hoher Verfügbarkeit, Stabilität und Betriebssicherheit – nicht auf IT-Sicherheit oder flexibler Datenintegration.

Die Unterschiede zwischen IT und OT

Um die Bedeutung der OT/IT-Konvergenz zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die traditionellen Unterschiede zwischen beiden Welten:

Aspekt Informationstechnologie (IT) Operational Technology (OT)
Primärer Fokus Datenverarbeitung und -verwaltung Steuerung physischer Prozesse
Kritische Anforderung Datensicherheit und -integrität Verfügbarkeit und Betriebssicherheit
Update-Zyklen Regelmäßig (Tage/Wochen) Selten (Monate/Jahre)
Ausfalltoleranz Kurze Ausfälle akzeptabel Keine Ausfälle tolerierbar
Hauptrisiko Datenverlust oder -kompromittierung Betriebsunterbrechung, Sicherheitsrisiken
Lebenszyklus 3-5 Jahre 10-20 Jahre
Standardisierung Hohe Standardisierung Historisch proprietäre Systeme

Diese unterschiedlichen Prioritäten spiegeln sich auch in der Organisationsstruktur vieler Unternehmen wider: IT- und OT-Abteilungen arbeiten oft unabhängig voneinander, mit eigenen Budgets, unterschiedlichen Fachsprachen und teilweise gegensätzlichen Zielen.

Die OT/IT-Konvergenz: Warum sie unvermeidbar ist

Die digitale Transformation und Industrie 4.0 machen die Konvergenz von OT und IT zu einer strategischen Notwendigkeit. Diese Verschmelzung wird aus mehreren Gründen vorangetrieben:

  1. Industrie 4.0 und Smart Factory: Die Vision der vernetzten, intelligenten Fabrik erfordert nahtlose Kommunikation zwischen Maschinen, Systemen und Geschäftsprozessen.
  2. Industrial Internet of Things (IIoT): Die zunehmende Verbreitung von vernetzten Sensoren und Geräten in der Produktion generiert wertvolle Daten, die analysiert und genutzt werden müssen.
  3. Datengetriebene Entscheidungsfindung: Unternehmen benötigen Echtzeitdaten aus der Produktion, um fundierte Entscheidungen zu treffen und Wettbewerbsvorteile zu sichern.
  4. Effizienzsteigerung: Die Integration von IT- und OT-Systemen ermöglicht Prozessoptimierungen, die sonst nicht möglich wären.
  5. Kostendruck: Standardisierte IT-Lösungen bieten oft Kostenvorteile gegenüber spezialisierten OT-Systemen.

Vorteile der OT/IT-Konvergenz für Fertigungsunternehmen

Die erfolgreiche Integration von OT- und IT-Systemen bietet zahlreiche Vorteile:

1. Verbesserte Betriebseffizienz

Durch die Verknüpfung von Produktions- und Geschäftssystemen können Unternehmen ihre Prozesse optimieren und Ressourcen effizienter einsetzen. MES-Systeme (Manufacturing Execution Systems) spielen hier eine zentrale Rolle, indem sie als Bindeglied zwischen ERP-Systemen und der Produktionsebene fungieren.

2. Predictive Maintenance

Die Kombination von Maschinendaten aus OT-Systemen mit fortschrittlichen Analysetools aus der IT-Welt ermöglicht vorausschauende Wartung. Durch die frühzeitige Erkennung potenzieller Ausfälle können ungeplante Stillstandzeiten minimiert werden, was direkt die Produktivität erhöht und Kosten senkt.

3. Echtzeit-Einblicke und Entscheidungsfindung

Wenn Produktionsdaten in Echtzeit verfügbar sind und mit Geschäftsdaten kombiniert werden, können Entscheidungsträger schneller und präziser reagieren. Dies ermöglicht eine agile Anpassung an Marktveränderungen und Kundenbedürfnisse.


4. Verbesserte Qualitätskontrolle

Durch die Integration von Qualitätsdaten aus der Produktion in übergeordnete IT-Systeme können Qualitätsprobleme früher erkannt und behoben werden. Dies reduziert Ausschuss, verbessert die Produktqualität und erhöht die Kundenzufriedenheit.

5. Höhere Flexibilität und Skalierbarkeit

Moderne, auf IT-Standards basierende OT-Lösungen lassen sich leichter anpassen und skalieren als traditionelle, proprietäre Systeme. Dies ist besonders wichtig in Zeiten rascher technologischer Veränderungen und schwankender Marktanforderungen.

Herausforderungen bei der OT/IT-Konvergenz

Trotz der offensichtlichen Vorteile bringt die Verschmelzung von OT und IT auch erhebliche Herausforderungen mit sich:

1. Cybersicherheitsrisiken

Die Öffnung bisher isolierter OT-Systeme für IT-Netzwerke schafft neue Angriffsvektoren. Viele ältere OT-Systeme wurden nicht mit Cybersicherheit im Blick entwickelt und verfügen nicht über grundlegende Sicherheitsfunktionen wie Authentifizierung oder Verschlüsselung.

2. Unterschiedliche Anforderungen und Prioritäten

Während IT-Systeme regelmäßige Updates und kurze Wartungsfenster gewohnt sind, erfordern OT-Systeme absolute Zuverlässigkeit und ununterbrochenen Betrieb. Diese gegensätzlichen Anforderungen in Einklang zu bringen, ist eine große Herausforderung.

3. Technische Kompatibilitätsprobleme

Proprietäre OT-Protokolle und -Schnittstellen erschweren die nahtlose Integration mit standardisierten IT-Systemen. Die Schaffung einheitlicher Kommunikationswege erfordert oft komplexe Middleware-Lösungen oder Gateway-Technologien.

4. Organisatorische Silos

Die unterschiedlichen Kulturen, Fachsprachen und Prioritäten von IT- und OT-Teams können zu Kommunikationsproblemen und Widerständen führen. Die erfolgreiche Konvergenz erfordert daher auch organisatorische Veränderungen und Kompetenzentwicklung.

5. Hohe Investitionskosten

Die Migration von Legacy-OT-Systemen zu modernen, integrierten Lösungen kann erhebliche Investitionen erfordern – sowohl in Technologie als auch in Mitarbeiterqualifikation.

 

Strategien für eine erfolgreiche OT/IT-Konvergenz

Um die Herausforderungen zu meistern und die Vorteile der OT/IT-Konvergenz zu nutzen, empfehlen sich folgende Strategien:

1. Ganzheitliche Sicherheitsstrategie entwickeln

Entwickeln Sie ein umfassendes Sicherheitskonzept, das sowohl IT- als auch OT-spezifische Anforderungen berücksichtigt. Implementieren Sie Netzwerksegmentierung, Zugriffskontrollen und kontinuierliches Monitoring, um die Sicherheit der vernetzten Systeme zu gewährleisten.

2. Standardisierung vorantreiben

Setzen Sie auf offene Standards und Protokolle, die eine nahtlose Integration zwischen OT- und IT-Systemen ermöglichen. Industrie-4.0-Standards wie OPC UA bieten hier vielversprechende Ansätze.

3. Schrittweise Migration planen

Verfolgen Sie einen evolutionären Ansatz statt einer radikalen Umstellung. Beginnen Sie mit Pilotprojekten in weniger kritischen Bereichen und erweitern Sie diese schrittweise auf Basis der gewonnenen Erfahrungen.

4. MES als Bindeglied nutzen

Manufacturing Execution Systems (MES) können als Brücke zwischen der Produktionsebene und den Geschäftssystemen dienen. Ein modernes, cloud-fähiges MES erleichtert die Integration und bietet wertvolle Funktionen für die Produktionsoptimierung.

5. In Mitarbeiterqualifikation investieren

Fördern Sie den Wissensaustausch zwischen IT- und OT-Teams und investieren Sie in Weiterbildung, um die notwendigen Kompetenzen für die konvergierte Umgebung aufzubauen.

6. Edge Computing nutzen

Edge-Computing-Lösungen können als Vermittler zwischen OT- und IT-Welt dienen. Sie ermöglichen die Vorverarbeitung großer Datenmengen nahe am Entstehungsort und reduzieren so Latenz und Bandbreitenbedarf.

Die Zukunft der OT/IT-Konvergenz: Cloud und Künstliche Intelligenz

Die nächste Evolutionsstufe der OT/IT-Konvergenz wird durch zwei Technologietrends geprägt sein:

Cloud-native MES-Systeme

Moderne MES-Lösungen werden zunehmend als cloud-native Anwendungen konzipiert, die Skalierbarkeit, Flexibilität und ortsunabhängigen Zugriff bieten. Diese Systeme können nahtlos mit anderen Cloud-Diensten integriert werden und ermöglichen so eine umfassende Digitalisierung der Fertigung.

Künstliche Intelligenz in der Produktion

Die Kombination von OT-Daten mit KI-Technologien eröffnet neue Möglichkeiten für Prozessoptimierung, vorausschauende Wartung und automatisierte Qualitätskontrolle. Machine Learning-Algorithmen können Muster in Produktionsdaten erkennen, die für Menschen unsichtbar sind, und so zu kontinuierlichen Verbesserungen beitragen.

Fazit: OT/IT-Konvergenz als Grundlage für die Smart Factory

Die Konvergenz von Operational Technology und Informationstechnologie ist keine vorübergehende Modeerscheinung, sondern eine fundamentale Entwicklung, die die Zukunft der Fertigungsindustrie prägen wird. Unternehmen, die diese Integration erfolgreich meistern, werden von einer höheren Flexibilität, besseren Effizienz und verbesserten Wettbewerbsfähigkeit profitieren.

Entscheidend für den Erfolg ist dabei ein ausgewogener Ansatz, der sowohl die spezifischen Anforderungen der Produktion als auch die Möglichkeiten moderner IT-Systeme berücksichtigt. Manufacturing Execution Systems spielen in dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle als Vermittler zwischen beiden Welten.

Durch die OT/IT-Konvergenz legen Fertigungsunternehmen das Fundament für die Smart Factory der Zukunft – eine vernetzte, intelligente und agile Produktionsumgebung, die kontinuierliche Optimierung und Innovation ermöglicht.