#1 Manufacturing Glossar - SYMESTIC

Interoperabilität - Definition, Arten und Bedeutung in der Industrie

Geschrieben von Symestic | Jun 3, 2024 2:19:58 PM

Was ist Interoperabilität?

Interoperabilität bezeichnet die Fähigkeit verschiedener Systeme, Anwendungen, Plattformen und Technologien, nahtlos miteinander zu kommunizieren, Daten auszutauschen und die ausgetauschten Informationen sinnvoll zu nutzen – ohne dass spezielle Anpassungen oder Eingriffe notwendig sind. Im Kern geht es darum, Barrieren zwischen unterschiedlichen technischen Umgebungen zu überwinden und einen reibungslosen Informationsfluss zu ermöglichen.

DEFINITION

Interoperabilität ist die Fähigkeit unabhängiger, heterogener Systeme, effektiv und zielgerichtet zusammenzuarbeiten, indem sie Daten austauschen und die ausgetauschten Informationen verstehen und verarbeiten können, ohne dass zusätzliche manuelle Eingriffe oder spezielle Anpassungen erforderlich sind.

In der zunehmend vernetzten Welt der Industrie 4.0 ist Interoperabilität nicht mehr nur ein technisches Merkmal, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. Sie ermöglicht die Integration verschiedener Systeme und Technologien zu einem kohärenten Ganzen, was die Grundlage für digitale Transformation, Smart Factory und datengetriebene Geschäftsmodelle bildet.

Die vier Ebenen der Interoperabilität

Interoperabilität lässt sich in vier aufeinander aufbauende Ebenen unterteilen, die zusammen ein umfassendes Verständnis dieses komplexen Konzepts ermöglichen:

1. Technische Interoperabilität (Konnektivität)

Die technische Interoperabilität bildet das Fundament und bezieht sich auf die grundlegende Fähigkeit von Systemen, Daten physisch zu übertragen und auszutauschen.

Schlüsselmerkmale:

  • Netzwerkprotokolle (TCP/IP, HTTP, MQTT)
  • Hardware-Schnittstellen und Verbindungen
  • Signalübertragung und Kommunikationskanäle
  • Physische Konnektivität und Datentransport

Industriebeispiel: In einer Smart Factory kommunizieren Sensoren über standardisierte Protokolle wie OPC UA mit übergeordneten Systemen und ermöglichen so die Erfassung von Maschinendaten in Echtzeit.

2. Syntaktische Interoperabilität

Die syntaktische Interoperabilität konzentriert sich auf gemeinsame Datenformate und Kodierungsregeln, die es Systemen ermöglichen, die Struktur ausgetauschter Daten zu erkennen und zu verarbeiten.

Schlüsselmerkmale:

  • Standardisierte Datenformate (XML, JSON, CSV)
  • Einheitliche Kodierungsregeln
  • Strukturierte Nachrichtenformate
  • Datenserialisierung und -deserialisierung

Industriebeispiel: ERP- und MES-Systeme tauschen Produktionsdaten im standardisierten XML-Format aus, sodass beide Systeme die Struktur der Informationen verstehen können, ohne die Bedeutung interpretieren zu müssen.


3. Semantische Interoperabilität

Die semantische Interoperabilität stellt sicher, dass die ausgetauschten Daten von allen beteiligten Systemen nicht nur strukturell erfasst, sondern auch inhaltlich korrekt interpretiert werden können.

Schlüsselmerkmale:

  • Gemeinsame Begriffsverständnisse und Taxonomien
  • Ontologien und semantische Modelle
  • Einheitliche Terminologie und Datenmodelle
  • Kontextbezogene Interpretation von Informationen

Industriebeispiel: In der Automobilindustrie stellt STEP (Standard for the Exchange of Product Model Data) sicher, dass CAD-Daten zwischen verschiedenen Konstruktionssystemen nicht nur übertragen, sondern auch in ihrer vollen Bedeutung verstanden werden.

4. Organisatorische Interoperabilität

Die organisatorische Interoperabilität adressiert die Integration von Geschäftsprozessen, Workflows und organisatorischen Strukturen über Systemgrenzen hinweg.

Schlüsselmerkmale:

  • Abgestimmte Geschäftsprozesse und Workflows
  • Harmonisierte Unternehmensrichtlinien
  • Gemeinsame Ziele und Strategien
  • Übergreifende Governance-Strukturen

Industriebeispiel: Eine durchgängige Lieferkette, in der Bestellprozesse, Produktionsplanung und Logistik über Unternehmensgrenzen hinweg nahtlos ineinandergreifen und einen durchgängigen Informationsfluss vom Kunden bis zum Lieferanten ermöglichen.

Interoperabilität in der modernen Fertigung und Industrie 4.0

In der modernen Fertigungsindustrie ist Interoperabilität ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Implementierung von Industrie 4.0-Konzepten. Sie bildet die Grundlage für:

Vertikal integrierte Produktionssysteme

Die vertikale Integration verbindet verschiedene Hierarchieebenen innerhalb eines Unternehmens – von der Feldebene (Sensoren, Aktoren) über die Steuerungsebene (SPS, SCADA) bis hin zur Unternehmensebene (ERP, BI).

Vorteile durch Interoperabilität:

  • Echtzeit-Verfügbarkeit von Produktionsdaten auf allen Ebenen
  • Schnellere Entscheidungsprozesse durch konsistente Datenbasis
  • Verbesserte Transparenz und Reaktionsfähigkeit
  • Durchgängiges Qualitätsmanagement

Horizontal vernetzte Wertschöpfungsketten

Die horizontale Integration schafft Verbindungen zwischen verschiedenen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette – von Lieferanten über Produktionspartner bis hin zu Kunden.

Vorteile durch Interoperabilität:

  • Nahtlose Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg
  • Reduzierte Latenzzeiten in der Lieferkette
  • Verbesserte Planungsgenauigkeit und Ressourcennutzung
  • Höhere Flexibilität bei Marktveränderungen

Manufacturing Execution Systems (MES) als Interoperabilitäts-Enabler

MES-Systeme spielen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Interoperabilität in der Fertigung, da sie als Bindeglied zwischen der Produktions- und der Unternehmensebene fungieren.

Interoperabilitäts-Funktionen moderner MES:

  • Standardisierte Schnittstellen zu Maschinen und Anlagen
  • Integration mit ERP-Systemen für nahtlosen Informationsfluss
  • Echtzeitfähige Datenerfassung und -verarbeitung
  • Unterstützung für Industrie-4.0-Standards wie OPC UA und MQTT

Digitale Zwillinge und Product Lifecycle Management

Interoperable Systeme ermöglichen die Erstellung und Nutzung digitaler Zwillinge – virtuelle Abbilder physischer Produkte oder Prozesse, die über den gesamten Lebenszyklus hinweg gepflegt werden.

Interoperabilitäts-Aspekte:

  • Durchgängiger Informationsfluss vom Design bis zur Entsorgung
  • Konsistente Produktdaten über verschiedene Systeme hinweg
  • Echtzeitaktualisierung durch IoT-Verbindungen
  • Systemübergreifende Simulationen und Analysen

Standards und Protokolle für industrielle Interoperabilität

Die erfolgreiche Umsetzung von Interoperabilität erfordert die Anwendung etablierter Standards und Protokolle. Zu den wichtigsten in der Fertigungsindustrie zählen:

OPC UA (Open Platform Communications Unified Architecture)

OPC UA ist ein plattformunabhängiger, serviceorientierter Standard für den sicheren und zuverlässigen Datenaustausch in der Industrie.

Kernmerkmale:

  • Herstellerunabhängige Kommunikation
  • Integrierte Sicherheitsmechanismen
  • Semantische Datenbeschreibung
  • Skalierbarkeit vom Sensor bis zur Cloud

MQTT (Message Queuing Telemetry Transport)

MQTT ist ein leichtgewichtiges Nachrichtenprotokoll, das speziell für die Kommunikation in IoT-Umgebungen mit begrenzter Bandbreite entwickelt wurde.

Kernmerkmale:

  • Publish/Subscribe-Muster
  • Minimaler Overhead
  • Drei Dienstgüteebenen (QoS)
  • Beständige Sessions und letzte Willensnachrichten

AutomationML und PLCopen

Diese Standards fokussieren sich auf die semantische Interoperabilität und ermöglichen den Austausch von Engineering-Daten zwischen verschiedenen Werkzeugen und Systemen.

Kernmerkmale:

  • Einheitliche Beschreibung von Anlagenmodellen
  • Standardisierte Bewegungsabläufe und Funktionsbausteine
  • Integration von Topologie-, Geometrie- und Verhaltensmodellen
  • Herstellerunabhängige Programmierung

ISA-95 / IEC 62264

Dieser international anerkannte Standard definiert die Integration von Unternehmens- und Steuerungssystemen und schafft ein gemeinsames Verständnis für die Architektur moderner Produktionssysteme.

Kernmerkmale:

  • Hierarchisches Modell der Fertigungsumgebung
  • Standardisierte Terminologie und Datenmodelle
  • Definition von Schlüsselaktivitäten und -informationen
  • Rahmenwerk für MES-Implementierungen

 

Vorteile der Interoperabilität in der Fertigungsindustrie

Die erfolgreiche Implementierung interoperabler Systeme bietet Fertigungsunternehmen zahlreiche messbare Vorteile:

Kosten- und Effizienzvorteile

  • Reduzierung von Integrationskosten um 30-40% durch standardisierte Schnittstellen
  • Niedrigere Wartungskosten durch vereinfachte Systemlandschaften
  • Vermeidung von Datensilos und Doppelarbeit bei der Dateneingabe und -verwaltung
  • Kürzere Implementierungszeiten für neue Technologien und Lösungen

Agilitäts- und Flexibilitätsvorteile

  • Schnellere Anpassung an Marktveränderungen durch flexible Systemlandschaften
  • Einfachere Integration neuer Technologien ohne umfangreiche Anpassungen
  • Verbesserte Skalierbarkeit von IT- und OT-Systemen
  • Erleichterte Zusammenarbeit mit Partnern und Lieferanten

Daten- und Analysevorteile

  • Umfassendere Datenbasis für Business Intelligence und Analytics
  • Konsistente Datenqualität über verschiedene Systeme hinweg
  • Bessere Entscheidungsgrundlagen durch ganzheitliche Sicht auf Prozesse
  • Erweiterte Möglichkeiten für prädiktive Analysen und Machine Learning

Strategische Wettbewerbsvorteile

  • Verbesserte Reaktionsfähigkeit auf Kundenwünsche und Marktanforderungen
  • Höhere Innovationsgeschwindigkeit durch flexible Technologieplattformen
  • Reduzierte Abhängigkeit von einzelnen Anbietern (Vendor Lock-in)
  • Nachhaltige Zukunftsfähigkeit der IT- und OT-Infrastruktur

Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Implementierung interoperabler Systeme in der Fertigungsindustrie ist mit verschiedenen Herausforderungen verbunden, für die es jedoch bewährte Lösungsansätze gibt:

Technische Herausforderungen

Herausforderungen:

  • Heterogene Systemlandschaften mit Legacy-Komponenten
  • Unterschiedliche Datenmodelle und -formate
  • Sicherheitsbedenken bei systemübergreifender Kommunikation
  • Echtzeitanforderungen in der Produktion

Lösungsansätze:

  • Implementierung von Middleware und API-Management-Plattformen
  • Schrittweise Migration zu standardisierten Datenformaten
  • Einsatz von Zero-Trust-Sicherheitsarchitekturen
  • Edge Computing für zeitkritische Anwendungen

Organisatorische Herausforderungen

Herausforderungen:

  • Silodenken in verschiedenen Abteilungen
  • Unklare Verantwortlichkeiten für übergreifende Prozesse
  • Fehlendes Bewusstsein für den Wert von Interoperabilität
  • Kurzfristiger ROI schwer messbar

Lösungsansätze:

  • Etablierung interdisziplinärer Teams und Kompetenzzentren
  • Klare Governance-Strukturen für Systemintegration
  • Schulungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen
  • Definition von KPIs für Interoperabilitätsprojekte

Praxisbeispiel: Interoperabilität in der Smart Factory

Ein führender Automobilzulieferer hat durch die konsequente Umsetzung von Interoperabilitätskonzepten folgende Verbesserungen erreicht:

  1. Vertikale Integration von Shopfloor bis Management
    • Echtzeit-Visualisierung von KPIs aus der Produktion im Management-Dashboard
    • Direkte Rückverfolgbarkeit von Qualitätsproblemen bis zur Maschinenebene
    • Automatisierte Produktionsplanung basierend auf aktuellen Maschinendaten
  2. Horizontale Integration mit Lieferanten und Kunden
    • Automatisierter Austausch von Bestelldaten und Lieferterminen
    • Echtzeitinformationen über Materialverfügbarkeit und Lieferstatus
    • Kollaborative Produktentwicklung durch gemeinsame Datenplattformen
  3. Integration von IT- und OT-Umgebungen
    • Nahtlose Verbindung zwischen Fertigungssystemen und ERP
    • Cloud-basierte Analysen von Produktionsdaten
    • Edge Computing für zeitkritische Steuerungsaufgaben

Ergebnisse:

  • 24% Reduzierung der Durchlaufzeiten
  • 18% Steigerung der Gesamtanlageneffektivität (OEE)
  • 35% weniger ungeplante Stillstandzeiten
  • 29% schnellere Time-to-Market für neue Produkte

Zukunftstrends: Die Entwicklung der Interoperabilität

Die Zukunft der industriellen Interoperabilität wird von mehreren Trends geprägt sein, die ihre Bedeutung weiter verstärken werden:

Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen

KI-Systeme werden zunehmend eingesetzt, um Interoperabilität zu verbessern, indem sie:

  • Automatisch Datenmappings zwischen verschiedenen Systemen erstellen
  • Anomalien in der systemübergreifenden Kommunikation erkennen
  • Selbstlernende Schnittstellen entwickeln, die sich an Veränderungen anpassen
  • Semantische Beziehungen zwischen unterschiedlichen Datenmodellen erkennen

Cloud-native Architekturen und Microservices

Moderne Softwarearchitekturen fördern Interoperabilität durch:

  • Standardisierte APIs für alle Systemkomponenten
  • Lose Kopplung von Diensten für mehr Flexibilität
  • Container-basierte Deployment-Modelle für konsistente Laufzeitumgebungen
  • Event-getriebene Architekturen für asynchrone Systemkommunikation

Digital Supply Networks

Die nächste Generation von Lieferketten wird geprägt sein durch:

  • Echtzeitaustausch von Planungs- und Bestandsdaten
  • Blockchain-basierte Vertrauensnetzwerke für sichere Transaktionen
  • Dynamische Rekonfiguration bei Störungen
  • Interoperable digitale Zwillinge über Unternehmensgrenzen hinweg

Digital Product Passports

Digitale Produktpässe werden die Interoperabilität über den gesamten Produktlebenszyklus fördern durch:

  • Standardisierte Informationsmodelle für Materialien und Komponenten
  • Durchgängige Rückverfolgbarkeit vom Rohstoff bis zum Recycling
  • Interoperable Zertifikate für Nachhaltigkeit und Compliance
  • Offene Standards für den Austausch von Produkt- und Lebenszyklusinformationen

Fazit: Interoperabilität als strategischer Erfolgsfaktor

Interoperabilität ist weit mehr als ein technisches Konzept – sie ist ein strategischer Erfolgsfaktor für Unternehmen in der Ära der digitalen Transformation und Industrie 4.0. Sie ermöglicht nicht nur die nahtlose Integration verschiedener Systeme und Technologien, sondern schafft auch die Grundlage für neue Geschäftsmodelle, verbesserte Kundenerlebnisse und optimierte Produktionsprozesse.

 

Unternehmen, die Interoperabilität als strategisches Ziel verfolgen und systematisch umsetzen, werden langfristig wettbewerbsfähiger sein, da sie:

  • Schneller auf Marktveränderungen reagieren können
  • Effizienter mit Partnern, Lieferanten und Kunden zusammenarbeiten
  • Innovativere Produkte und Dienstleistungen entwickeln
  • Nachhaltiger und zukunftssicherer aufgestellt sind

In einer zunehmend vernetzten Welt ist Interoperabilität nicht mehr optional, sondern eine Grundvoraussetzung für nachhaltigen Erfolg in der digitalen Ökonomie.